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Handlungsfeld 3 · Ausbildung durchführen

Die Fallmethode: Entscheiden lernen an echten Fällen

Wie Azubis mit Fällen aus dem Betriebsalltag lernen, Entscheidungen zu treffen und zu begründen. Varianten, Ablauf, Grenzen und ein Beispiel.

5 Min. Lesezeitvon Oliver MischStand November 2026

Bei der Fallmethode bekommen Azubis eine Situation aus dem Betriebsalltag geschildert, die eine Entscheidung verlangt. Ein Stammkunde reklamiert eine Ware, die schon lange aus der Gewährleistung ist, und droht damit, zur Konkurrenz zu gehen. Ein Lieferant ist günstiger, aber unzuverlässig. Eine Kollegin hält sich wiederholt nicht an eine Sicherheitsregel. Was tun?

Die Methode trainiert vor allem das, was in Unterweisungen oft zu kurz kommt: Informationen bewerten, Alternativen abwägen, eine Entscheidung treffen und begründen. Sie kommt ursprünglich aus der Managementausbildung, funktioniert aber in fast jedem Ausbildungsberuf, solange die Fälle zum Betrieb passen. Wie sie sich von anderen Verfahren unterscheidet, zeigt der Überblick über die Ausbildungsmethoden.

Was einen guten Fall ausmacht

Ein Fall beschreibt eine reale oder realistische Situation mit einem Problem, für das es mehrere denkbare Lösungen gibt. Gute Fälle haben ein paar Eigenschaften gemeinsam: Sie sind nah am Alltag der Azubis, enthalten genug Informationen für eine begründete Entscheidung, aber nicht so viele, dass die Lösung auf der Hand liegt. Und sie haben keine einzige richtige Antwort, sondern bessere und schlechtere.

Die besten Fälle stammen aus dem eigenen Betrieb. Wer echte Situationen anonymisiert und aufschreibt, bekommt Material, das Azubis ernst nehmen. Ein Lehrbuchfall über einen Konzern in einer fremden Branche wirkt dagegen schnell abstrakt, weil die Azubis die Abläufe dahinter nicht kennen.

Beim Schreiben hilft eine einfache Gliederung: Ausgangslage, beteiligte Personen und ihre Interessen, die wichtigsten Fakten, dazu eventuell Unterlagen wie eine E-Mail, ein Auszug aus der Kundenhistorie oder eine Preisliste. Am Ende steht ein klarer Arbeitsauftrag. Je nach Variante formulierst du das Problem selbst oder lässt es offen.

Varianten der Fallmethode

In der Literatur werden mehrere Varianten unterschieden. Sie unterscheiden sich darin, wie viel vorgegeben ist und was die Azubis selbst leisten müssen:

  • Case-Study-Method: Der Fall wird ausführlich beschrieben, das Problem müssen die Azubis aber selbst erkennen und dann lösen.
  • Case-Problem-Method: Das Problem ist benannt, die Azubis suchen Lösungen und wählen die beste aus.
  • Stated-Problem-Method: Problem und Lösung sind vorgegeben. Die Azubis beurteilen die getroffene Entscheidung und suchen nach Alternativen.
  • Incident-Method: Nur ein kurzer Vorfall wird geschildert. Die nötigen Informationen müssen die Azubis selbst beschaffen, etwa durch Fragen an den Ausbilder oder Recherche im Betrieb.

Für den Einstieg eignen sich Varianten mit mehr Vorgaben, für fortgeschrittene Azubis die offenen. Die Incident-Method ist besonders anspruchsvoll, weil die Azubis lernen müssen, die richtigen Fragen zu stellen. Genau das ist im Berufsalltag oft die eigentliche Schwierigkeit.

Merke: Die Fallmethode fördert vor allem Entscheiden und Beurteilen. Je weniger im Fall vorgegeben ist, desto anspruchsvoller wird sie.

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Ablauf einer Fallbearbeitung

Ein häufig beschriebener Ablauf umfasst sechs Phasen:

  1. Konfrontation: Die Azubis lernen den Fall kennen und erfassen die Problemlage.
  2. Information: Sie werten die vorhandenen Informationen aus und beschaffen fehlende.
  3. Exploration: Sie entwickeln verschiedene Lösungsmöglichkeiten.
  4. Resolution: Sie entscheiden sich für eine Lösung und begründen sie.
  5. Disputation: Die Lösungen werden vorgestellt und verteidigt, etwa wenn mehrere Gruppen unterschiedliche Wege gewählt haben.
  6. Kollation: Die eigenen Lösungen werden mit der Entscheidung verglichen, die in der Wirklichkeit getroffen wurde.

Die Fachbegriffe musst du im Betriebsalltag nicht verwenden. Wichtig ist die Logik: erst verstehen, dann Möglichkeiten sammeln, dann entscheiden, dann vergleichen. Vor allem die letzte Phase wird oft weggelassen, obwohl gerade der Vergleich mit der echten Entscheidung viel Gesprächsstoff bietet.

Wofür die Fallmethode besonders taugt

Die Stärke der Methode liegt bei Entscheidungs- und Beurteilungskompetenz. Azubis lernen, dass es in der Arbeitswelt selten eine eindeutige Lösung gibt, sondern Abwägungen: Kundenzufriedenheit gegen Kosten, Tempo gegen Sorgfalt, Kulanz gegen Prinzip. In der Lernzieltaxonomie bewegt sich die Fallmethode deshalb auf den oberen Stufen.

Besonders gut passt sie in kaufmännische Berufe, etwa bei Reklamationen, Mahnungen, Lieferantenauswahl oder Personalfragen. Sie funktioniert aber auch in technischen und handwerklichen Berufen: Ein Azubi im Sanitärhandwerk bekommt den Fall eines Kunden, der eine günstige, aber kurzlebige Lösung möchte, und soll eine Empfehlung erarbeiten, die fachlich und wirtschaftlich vertretbar ist. In IT-Berufen eignen sich Fälle zu Störungen, Datenschutzfragen oder Anschaffungsentscheidungen.

Ein Beispiel aus dem Büromanagement

Kauffrau für Büromanagement, zweites Lehrjahr. Der Fall: Ein langjähriger Kunde hat die dritte Mahnung bekommen. Er ruft verärgert an und erklärt, er habe nie eine Rechnung erhalten. Im System ist die Rechnung als versendet markiert, allerdings an eine alte E-Mail-Adresse. Der Kunde kündigt an, künftig woanders zu bestellen.

Die Azubine bekommt den Fall schriftlich, mit Auszügen aus der Kundenhistorie und den Mahnregeln des Hauses. Sie soll klären, wo der Fehler entstanden ist, zwei mögliche Reaktionen gegenüberstellen und eine Empfehlung begründen. Im Gespräch mit der Ausbilderin zeigt sich, dass sie zunächst nur an Entschuldigung und Gutschrift gedacht hat. Erst auf Nachfrage kommt sie darauf, dass auch der Ablauf für Adressänderungen verbessert werden müsste, damit das nicht wieder passiert.

Am Ende erzählt die Ausbilderin, wie der Fall in Wirklichkeit gelöst wurde. Der Betrieb hatte sich entschuldigt, die Mahngebühren gestrichen und den Kunden persönlich angerufen, die Adressprüfung aber erst Monate später eingeführt. Die Azubine merkt: Ihre Lösung war an einer Stelle sogar besser als die echte.

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Grenzen und Stolpersteine

Die Fallmethode setzt Vorwissen voraus. Wer die Mahnregeln des Betriebs nicht kennt, kann keinen Mahnfall beurteilen. Für den Erwerb von Grundlagen ist sie deshalb wenig geeignet, sie baut auf ihnen auf. Für Handgriffe und praktische Fertigkeiten ist sie ohnehin nicht gedacht. Und sie braucht Zeit: Ein gut bearbeiteter Fall mit Diskussion und Vergleich dauert schnell eine Stunde oder länger, im Tagesgeschäft ist das nicht immer drin.

Ein zweiter Stolperstein liegt in schlecht gebauten Fällen. Wenn die Lösung offensichtlich ist, langweilen sich die Azubis. Wenn entscheidende Informationen fehlen und nicht beschaffbar sind, entsteht Frust. Und wenn der Ausbilder am Ende nur seine eigene Lösung gelten lässt, lernen die Azubis vor allem, zu erraten, was er hören will. Hier hilft eine Haltung, die gute Begründungen würdigt, auch wenn das Ergebnis vom eigenen abweicht.

Oft lohnt es sich, Fälle in Kleingruppen bearbeiten zu lassen, weil dann schon in der Gruppe verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen. Wie das gut gelingt, steht unter Gruppenarbeit in der Ausbildung.

Ein letzter Punkt betrifft die Vertraulichkeit. Wer echte Fälle aus dem Betrieb nutzt, muss Namen von Kunden, Kollegen und Lieferanten ändern und Details weglassen, die Rückschlüsse erlauben. Das gilt besonders bei Personalfragen oder Konflikten im Team, die die Azubis womöglich selbst mitbekommen haben.

Prüfungsrelevanz der Fallmethode

In der schriftlichen AEVO-Prüfung arbeitest du selbst ständig mit Fällen, denn die Aufgaben sind fallbezogen formuliert. Dazu kommen direkte Fragen zur Methode: Welche Variante liegt vor, wenn nur ein kurzer Vorfall geschildert wird? Welche Kompetenz fördert die Fallmethode besonders? Wann ist sie ungeeignet? Im Fachgespräch kann sie als Alternative zu deiner gewählten Methode zur Sprache kommen, vor allem bei kaufmännischen Themen. Wer den Unterschied zur Projektmethode klar benennen kann (Fall: Entscheidung über eine beschriebene Situation, Projekt: eigene Umsetzung einer echten Aufgabe), ist gut aufgestellt.

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Häufige Fragen

Ja. Die Diskussion findet dann zwischen dir und dem Azubi statt. In Gruppen treffen allerdings mehr unterschiedliche Lösungen aufeinander, was die Auswertung oft ergiebiger macht.

Am besten aus dem eigenen Betrieb. Notiere dir schwierige Situationen, anonymisiere sie und ergänze, was die Azubis wissen müssen. Nach ein paar Monaten hast du eine kleine Sammlung.

Es ist sinnvoll, weil der Vergleich viel bringt. Stell sie aber nicht als einzig richtige dar, denn auch echte Entscheidungen sind nicht immer die besten.

Oliver Misch
Oliver Misch
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