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Handlungsfeld 3 · Ausbildung durchführen

Das Lehrgespräch: mit Fragen zum Lernziel

Wie das Lehrgespräch abläuft, welche Fragetechniken funktionieren und wo die Methode an Grenzen stößt. Mit einem Beispiel aus dem Großhandel.

6 Min. Lesezeitvon Oliver MischStand November 2026

Das Lehrgespräch sieht von außen aus wie eine normale Unterhaltung zwischen Ausbilder und Azubi. Tatsächlich ist es ziemlich genau geplant. Du führst den Azubi mit Fragen und Impulsen so, dass er sich einen Inhalt selbst erschließt, statt ihn nur vorgesetzt zu bekommen.

Die Methode eignet sich vor allem für Wissen und Zusammenhänge: Warum wird etwas so gemacht? Was hängt wovon ab? Was passiert, wenn man einen Schritt auslässt? Für reine Handgriffe ist sie weniger geeignet. Richtig eingesetzt sorgt sie dafür, dass Azubis mitdenken, statt nur zuzuhören. Unter den Ausbildungsmethoden zählt sie zu den erarbeitenden Verfahren.

Was ein Lehrgespräch ausmacht

Beim Lehrgespräch arbeitest du mit dem Vorwissen des Azubis. Du stellst Fragen, die an Bekanntes anknüpfen, und lenkst das Gespräch schrittweise auf den neuen Inhalt. Man spricht deshalb auch vom fragend-entwickelnden Verfahren. Der Azubi formuliert die Erkenntnisse möglichst selbst, du ergänzt, korrigierst und fasst zusammen.

Der Unterschied zum lockeren Gespräch: Du hast ein Lernziel und eine Struktur im Kopf. Du weißt, an welchen Stellen du welche Frage stellen willst und wo die typischen Missverständnisse liegen. Gleichzeitig musst du beweglich bleiben, denn Azubis antworten selten genau so, wie es im Plan steht.

Abzugrenzen ist das Lehrgespräch auch vom Vortrag mit anschließender Fragerunde. Beim Vortrag erklärst du zuerst alles, dann darf gefragt werden. Beim Lehrgespräch entsteht der Inhalt im Wechsel von Frage und Antwort.

So bereitest du ein Lehrgespräch vor

Die Vorbereitung ist überschaubar, auslassen solltest du sie trotzdem nicht. Kläre zuerst das Lernziel und das Vorwissen: Was weiß der Azubi schon, woran kannst du anknüpfen? Dann überlegst du dir eine Einstiegssituation, die neugierig macht, am besten aus dem eigenen Arbeitsalltag. Danach legst du drei bis fünf Kernfragen in einer sinnvollen Reihenfolge fest. Sie bilden den roten Faden.

Hilfreich ist, mögliche Antworten vorab durchzuspielen. Wo könnte der Azubi falsch abbiegen? Welche Fehlvorstellung ist typisch? Wer das vorher bedacht hat, reagiert im Gespräch gelassener. Plane außerdem, wie du Ergebnisse festhältst, etwa mit drei Stichworten auf einem Notizblock, einer Skizze oder einem echten Beleg, der auf dem Tisch liegt.

Tipp: Plane die drei, vier Denkfragen vorab, die dein Gespräch tragen. Den Rest kannst du dann aus den Antworten des Azubis entwickeln.

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Ablauf in vier Phasen

  1. Einstieg: Du weckst Interesse und knüpfst an Bekanntes an, etwa mit einer Situation aus dem Arbeitsalltag oder einer Frage, auf die der Azubi noch keine fertige Antwort hat.
  2. Erarbeitung: Mit Fragen und Impulsen entwickelt ihr den Inhalt Schritt für Schritt. Zwischenergebnisse hältst du sichtbar fest.
  3. Sicherung: Der Azubi fasst die Ergebnisse in eigenen Worten zusammen. Du prüfst mit ein, zwei Fragen, ob das Wesentliche angekommen ist.
  4. Anwendung: Das Gelernte wird auf einen neuen Fall übertragen, damit es nicht abstrakt bleibt.

Die Phasen sind kein starres Korsett. In einer kurzen Einheit am Arbeitsplatz können Einstieg und Erarbeitung ineinander übergehen. Die Sicherung solltest du aber nie weglassen, denn erst dort zeigt sich, ob der Azubi wirklich etwas mitnimmt.

Fragetechniken: die richtige Frage zur richtigen Zeit

Das Lehrgespräch steht und fällt mit den Fragen. Die wichtigsten Arten:

  • Offene Fragen lassen viele Antworten zu und regen zum Nachdenken an: „Was fällt dir an dieser Bestellung auf?“ Sie eignen sich für Einstieg und Erarbeitung.
  • Geschlossene Fragen lassen sich mit Ja, Nein oder einem Begriff beantworten: „Ist die Lieferung vollständig?“ Sie helfen, gezielt etwas zu klären oder abzusichern, bremsen aber das Gespräch, wenn sie überwiegen.
  • Denkfragen verlangen eine Begründung oder Schlussfolgerung: „Warum vergleichen wir den Lieferschein vor der Einlagerung mit der Bestellung?“ Sie sind das Herzstück, weil sie Zusammenhänge erschließen.

Ungeeignet sind Suggestivfragen („Das ist doch klar, oder?“), Kettenfragen mit mehreren Fragen auf einmal und Fragen, deren Antwort im Satz schon mitgeliefert wird. Statt einer weiteren Frage hilft oft auch ein Impuls: Ein Hinweis wie „Schau dir mal die Mengeneinheit an“ bringt den Azubi weiter, ohne ihm die Lösung zu verraten. Mehr zu Gesprächsführung und Fragearten findest du unter Kommunikation in der Ausbildung.

Ein Beispiel aus dem Großhandel

Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement, erstes Lehrjahr. Ziel: Der Azubi soll erklären können, warum beim Wareneingang drei Dokumente abgeglichen werden. Der Ausbilder steigt mit einer Situation ein: „Stell dir vor, wir bezahlen eine Rechnung über 200 Kartons, angekommen sind aber nur 180. Wann hätten wir das merken müssen?“

Der Azubi überlegt und kommt auf den Wareneingang. Der Ausbilder fragt weiter: „Womit vergleichst du dort die Ware?“ Antwort: mit dem Lieferschein. „Und woher weißt du, ob der Lieferschein stimmt?“ Jetzt kommt die Bestellung ins Spiel. Schritt für Schritt entsteht so die Kette Bestellung, Lieferschein, Rechnung. Der Ausbilder notiert die drei Begriffe und lässt den Azubi am Ende in eigenen Worten erklären, was bei jeder Abweichung passiert. Als Anwendung bekommt der Azubi einen echten Lieferschein mit einem Fehler und soll ihn finden.

Das dauert kaum länger als ein kurzer Vortrag. Der Unterschied: Der Azubi hat die Logik selbst hergeleitet. Das merkt man spätestens, wenn ihm beim nächsten Wareneingang eine Abweichung von allein auffällt.

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Vorteile und Grenzen

Das Lehrgespräch aktiviert. Azubis müssen mitdenken und ihr Vorwissen einbringen. Du erfährst sofort, wo Lücken oder Fehlvorstellungen sind, und kannst gegensteuern. Der Vorbereitungsaufwand ist überschaubar, Material brauchst du kaum.

Die Grenzen sind genauso klar. Ohne Vorwissen gibt es nichts, woran du anknüpfen kannst. Dann wird aus dem Lehrgespräch ein Ratespiel, das den Azubi frustriert. In Gruppen besteht die Gefahr, dass immer dieselben antworten und andere abtauchen. Und das Gespräch braucht Zeit: Wer unter Druck schnell eine Information weitergeben muss, ist mit einer kurzen Erklärung besser bedient. Für praktische Fertigkeiten eignet sich das Lehrgespräch nur als Ergänzung, etwa um die Gründe hinter einem Arbeitsschritt zu klären, nachdem du ihn gezeigt hast.

Typische Fehler und wie du sie vermeidest

Der häufigste Fehler ist Ungeduld. Du stellst eine Frage, es kommt nicht sofort eine Antwort, und du beantwortest sie selbst. Halte die Stille ein paar Sekunden aus. Viele Azubis brauchen den Moment, gerade wenn sie es nicht gewohnt sind, nach ihrer Meinung gefragt zu werden.

Zweiter Fehler: Falsche Antworten werden abgebügelt. Wer für eine falsche Antwort ein knappes „Nein, falsch“ kassiert, antwortet beim nächsten Mal vorsichtiger oder gar nicht. Besser ist, den richtigen Teil aufzugreifen und nachzufragen: „Was meinst du damit genau?“ So bleibt der Azubi im Gespräch. Warum eine offene Fehlerkultur so viel ausmacht, beschreibt die Seite Lernprozesse begleiten.

Dritter Fehler: Das Gespräch verliert sein Ziel. Wenn der Azubi ein interessantes Nebenthema aufmacht, darfst du kurz darauf eingehen, solltest aber zurückführen. Notfalls parkst du das Thema für später.

Das Lehrgespräch als Prüfungsunterweisung

Im praktischen Teil der AEVO-Prüfung ist das Lehrgespräch eine beliebte Wahl, vor allem bei kaufmännischen und theoretischen Themen. Es zeigt, dass du nicht nur vortragen, sondern Azubis aktivieren kannst. Wer den Azubi spielt, regeln die Kammern unterschiedlich: Manche erlauben eine mitgebrachte Person, anderswo übernimmt ein Mitglied des Prüfungsausschusses die Rolle. Frag rechtzeitig bei deiner Kammer nach.

Bereite die Kernfragen schriftlich vor und plane, was du tust, wenn eine Antwort ausbleibt. Im Fachgespräch wird häufig gefragt, warum du diese Methode gewählt hast und welche Frageformen du eingesetzt hast. Tipps zur Themenwahl findest du im Ratgeber Themen für Unterweisung und Präsentation.

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Häufige Fragen

Es funktioniert mit einem einzelnen Azubi genauso wie mit einer kleinen Gruppe. Bei größeren Gruppen musst du bewusst darauf achten, auch die Stilleren anzusprechen.

Ja. Kurze Erklärungen sind erlaubt und manchmal nötig, wenn Vorwissen fehlt. Sie sollten aber Brücken sein und nicht den Hauptteil ausmachen.

Formuliere die Frage einfacher oder konkreter, gib einen Impuls oder biete ein Beispiel an. Hilft das nicht, fehlt vermutlich Vorwissen, das du kurz erklären solltest, bevor es weitergeht.

Oliver Misch
Oliver Misch
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