Ein Ausbilder, der einem Azubi das Messen mit dem Messschieber erklärt, hat dabei fast immer ein Medium in der Hand: den Messschieber selbst. Vielleicht zeichnet er noch schnell die Skala vergrößert auf ein Blatt Papier. Schon hat er zwei Medien kombiniert, ohne groß darüber nachzudenken. Genau darum geht es bei der Medienauswahl: bewusst zu entscheiden, was dem Lernen hilft, statt zu nehmen, was gerade herumliegt.
Medien sind kein Selbstzweck. Eine aufwendige Präsentation macht eine schwache Unterweisung nicht besser, und ein gut gewähltes Original kann eine ganze Folienserie ersetzen. Wer weiß, welche Medienarten es gibt und wofür sie taugen, trifft bessere Entscheidungen, im Betriebsalltag wie in der AEVO-Prüfung.
Was Ausbildungsmedien sind
Ausbildungsmedien sind alle Hilfsmittel, die Lerninhalte vermitteln, veranschaulichen oder beim Üben helfen. Dazu gehören Gegenstände, Bilder, Texte, Geräte und digitale Anwendungen. Man unterscheidet manchmal zwischen Lehrmitteln, die der Ausbilder zum Erklären nutzt, und Lernmitteln, mit denen die Azubis selbst arbeiten. In der Praxis verschwimmt das: Ein Arbeitsblatt kann beides sein.
Davon zu trennen sind die Ausbildungsmittel im Sinne des Berufsbildungsgesetzes, also vor allem Werkzeuge, Werkstoffe und Fachliteratur, die der Betrieb kostenlos stellen muss. Vieles davon ist zugleich Medium, aber nicht jedes Medium ist ein Ausbildungsmittel im rechtlichen Sinn.
Medien wirken außerdem nie allein. Ob ein Video hilft, hängt davon ab, wie du es ankündigst, wann du es anhältst und was der Azubi danach damit tun soll.
Die Medienarten im Überblick
Für die Ausbildung im Betrieb lassen sich die Medien grob so ordnen:
- Originale: das echte Werkstück, das echte Gerät, die echte Software, die echte Rechnung
- Modelle: vereinfachte oder vergrößerte Nachbildungen, Schnittmodelle, Übungsgeräte
- Tafel, Flipchart und Pinnwand: zum Entwickeln von Inhalten im Gespräch
- Präsentationen: vorbereitete Folien mit Bildern, Abläufen, Übersichten
- Videos und Animationen: für Bewegungsabläufe und Vorgänge, die man sonst nicht sieht
- Arbeitsblätter, Checklisten und Leittexte: zum selbstständigen Arbeiten und Nachschlagen
- digitale Werkzeuge: Tablets, Lern-Apps, Quiz, Simulationen
Das Original hat in der betrieblichen Ausbildung einen besonderen Stellenwert, weil es genau das ist, womit der Azubi später arbeitet. Eine angehende Zahnmedizinische Fachangestellte lernt die Instrumente am besten an den echten Instrumenten kennen. Wo das Original zu groß, zu gefährlich, zu teuer oder zu unübersichtlich ist, kommen Modelle ins Spiel: Ein Schnittmodell eines Ventils zeigt das Innenleben, das man am echten Bauteil nicht sieht.
Das Flipchart wird oft unterschätzt. Was gemeinsam entsteht, bleibt besser hängen als eine fertige Folie, und das Blatt kann hinterher im Ausbildungsraum hängen bleiben. Präsentationen eignen sich für Übersichten und Bilder, verführen aber zu Textwüsten. Videos sind stark bei Bewegungsabläufen, wo Wiederholung und Zeitlupe helfen. Mehr zu digitalen Formaten steht auf der Seite Digitales Lernen und Blended Learning.
Merke: Das Medium folgt dem Lernziel. Das Original ist dem Modell überlegen, wenn es sichtbar, sicher und verfügbar ist.
Nach welchen Kriterien du auswählst
Welches Medium passt, hängt von mehreren Fragen ab, die du dir vor jeder Unterweisung kurz stellen solltest:
- Lernziel: Geht es um Wissen, um eine Fertigkeit oder um eine Haltung? Eine Fertigkeit lernt man am Original, für Hintergrundwissen kann eine Grafik reichen. Je klarer du das Lernziel formuliert hast, desto leichter fällt die Wahl.
- Azubi: Was weiß er schon, wie gut liest er, helfen ihm Bilder mehr als Text, gibt es Sprachhürden?
- Inhalt: Ist er abstrakt oder konkret, statisch oder in Bewegung, überschaubar oder komplex?
- Rahmen: Wie viel Zeit, welcher Raum, welche Technik ist vorhanden? Ist es am Arbeitsplatz laut?
- Aufwand und Nutzen: Lohnt sich die Vorbereitung, wird das Medium später wieder genutzt?
Ein Gedanke, der in diesem Zusammenhang oft auftaucht, ist die Ausrichtung an Lerntypen: visuelle Azubis bekommen Bilder, auditive bekommen Erklärungen. Diese Theorie gilt als wissenschaftlich nicht belegt. Gut begründet ist dagegen, Inhalte über mehrere Wege anzubieten, also zeigen, erklären und selbst machen lassen. Das hilft fast allen Lernenden. Warum, steht unter Lerntypen kritisch betrachtet.
Medien in der Unterweisung einsetzen
In einer typischen Unterweisung im Ausbildungsalltag haben Medien in jeder Phase eine andere Aufgabe. Beim Einstieg wecken sie Interesse, etwa durch ein fehlerhaftes Werkstück oder eine echte Kundenreklamation. In der Erarbeitung veranschaulichen sie den Ablauf. Bei der Sicherung helfen sie, das Gelernte festzuhalten, zum Beispiel mit einer Checkliste, die der Azubi behalten darf.
Ein Beispiel aus der Gastronomie: Ein Ausbilder zeigt einem Azubi das korrekte Eindecken für ein Drei-Gänge-Menü. Er hat einen vollständig eingedeckten Platz als Muster vorbereitet (Original), erklärt die Logik „von außen nach innen“ anhand einer einfachen Skizze (Flipchart) und gibt am Ende eine Bildkarte mit, die der Azubi beim nächsten Service griffbereit hat. Drei Medien, jedes mit einem klaren Zweck, keines davon aufwendig.
Wichtig bleibt der Kontakt zum Azubi. Wer frontal vor einer Leinwand steht und Folien vorliest, verliert ihn. Medien sollen dich unterstützen, nicht ersetzen.
Typische Fehler beim Medieneinsatz
Einige Fehler sieht man immer wieder, im Betrieb wie in der Prüfung:
- zu viele Medien in kurzer Zeit, sodass der Azubi mehr mit Wechseln als mit Lernen beschäftigt ist
- Folien mit ganzen Sätzen, die der Azubi gleichzeitig lesen und anhören soll
- Technik, die nicht vorher getestet wurde: Der Beamer findet den Laptop nicht, das Video hat keinen Ton
- Medien, die schlecht sichtbar sind, weil die Schrift zu klein oder der Azubi ungünstig positioniert ist
- ein Modell, obwohl das Original problemlos verfügbar wäre
- Arbeitsblätter, die der Azubi nicht versteht, weil sie in der Sprache eines Fachbuchs geschrieben sind
- gar kein Medium, obwohl eine schnelle Skizze viel erklärt hätte
Selbst das Original kann falsch eingesetzt werden, wenn der Azubi es nicht richtig sieht. Wer bei einer Montage mit dem Rücken zum Azubi arbeitet oder ihm gegenübersteht, zeigt zwar das Original, aber der Azubi sieht alles spiegelverkehrt. Bei Handgriffen ist das ein echtes Problem. Besser stellt sich der Azubi neben dich, damit er die Bewegung aus der Perspektive sieht, in der er sie später selbst ausführt.
Medienwahl in der praktischen Prüfung
In der praktischen AEVO-Prüfung gehört die Medienwahl zu dem, worauf die Prüfer achten. Das Original ist bei einer praktischen Durchführung meist die beste Wahl, weil es zeigt, dass du nah an der echten Ausbildungssituation bist. Ergänzende Medien wie eine kleine Checkliste oder eine Skizze sind sinnvoll, wenn sie den Lernerfolg sichern. Mehr Medien sind dabei nicht automatisch besser. In 15 Minuten ist ein klarer Einsatz von zwei oder drei Medien realistisch.
Im Fachgespräch wird oft gefragt, warum du dich für ein bestimmtes Medium entschieden hast. Eine gute Antwort bezieht sich auf Lernziel und Azubi, nicht auf deine Vorlieben. Bei der Themenwahl hilft der Ratgeber Themen für Unterweisung und Präsentation, zum Ablauf der praktischen Prüfung gibt es einen eigenen Ratgeber. In der schriftlichen Prüfung tauchen Medien meist als Zuordnungsfrage auf: Welches Medium passt zu welcher Situation, und welche Vor- und Nachteile hat es?
Häufige Fragen
Nein. Bei einer praktischen Durchführung arbeitest du meist am Original und brauchst keine Folien. Welche Hilfsmittel erlaubt oder vorhanden sind, erfährst du bei deiner Kammer.
Lehrmittel nutzt der Ausbilder zum Erklären, etwa eine Folie oder ein Modell. Lernmittel nutzt der Azubi selbst, etwa ein Arbeitsblatt oder eine Übungsaufgabe.
Nein, oft sind sie sogar besser, weil sie genau zum eigenen Betrieb passen. Entscheidend sind Lesbarkeit, fachliche Richtigkeit und ein klarer Bezug zum Lernziel.