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Handlungsfeld 3 · Ausbildung durchführen

Selbstgesteuertes Lernen in der Ausbildung fördern

Azubis sollen später selbst klarkommen. Wie du ihnen beibringst, ihr Lernen zu planen, zu überwachen und zu prüfen, ohne sie dabei allein zu lassen.

6 Min. Lesezeitvon Oliver MischStand November 2026

Spätestens nach der Abschlussprüfung steht niemand mehr neben deinen Azubis und erklärt ihnen, was sie als Nächstes lernen sollen. Neue Software, geänderte Normen, ein anderes Sortiment: Wer im Beruf bestehen will, muss sich Neues selbst erschließen können. Diese Fähigkeit fällt nicht vom Himmel. Sie lässt sich in der Ausbildung gezielt aufbauen.

Selbstgesteuertes Lernen heißt dabei nicht, dass der Ausbilder sich zurücklehnt. Damit Azubis ihr Lernen selbst in die Hand nehmen können, brauchen sie Werkzeuge, Übung und jemanden, der zur richtigen Zeit nachfragt. Der neue AEVO-Rahmenplan beschreibt den Ausbilder deshalb ausdrücklich als Lernbegleitung und nicht mehr vor allem als jemanden, der vormacht.

Was selbstgesteuertes Lernen bedeutet

Beim selbstgesteuerten Lernen entscheiden die Lernenden selbst über wesentliche Teile ihres Lernprozesses: was sie lernen wollen oder müssen, wie sie vorgehen, wann und wo sie lernen, welche Hilfsmittel sie nutzen und wie sie prüfen, ob sie ihr Ziel erreicht haben. In der Ausbildung ist das immer eingebettet. Die Inhalte gibt der Ausbildungsrahmenplan vor, und am Ende steht eine Prüfung. Spielraum gibt es aber beim Weg dorthin.

Man kann sich das als Regler vorstellen und nicht als Schalter. Auf der einen Seite steht die klassische Unterweisung, bei der der Ausbilder alles vorgibt. Auf der anderen Seite steht ein Azubi, der eine Aufgabe bekommt und sich Informationen, Vorgehen und Kontrolle komplett selbst organisiert. Dazwischen liegen viele Stufen. Deine Aufgabe ist, den Regler passend zum Azubi und zur Aufgabe einzustellen und ihn mit der Zeit weiter aufzudrehen.

Warum die Ausbildung das braucht

Das Berufsbildungsgesetz nennt als Ziel der Ausbildung die berufliche Handlungsfähigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Wandel heißt: Was heute gelernt wird, reicht nicht für das ganze Berufsleben. Eine Industriekauffrau, die heute ein bestimmtes ERP-System bedient, arbeitet in einigen Jahren vielleicht mit einem ganz anderen. Ein Anlagenmechaniker muss sich in neue Heiztechnik einarbeiten, oft ohne dass ihm jemand einen Lehrgang dafür organisiert.

Dazu kommt ein praktischer Grund: Ausbilder haben selten Zeit, jeden Lernschritt eng zu begleiten. Azubis, die gelernt haben, sich selbst zu organisieren, kommen besser durch Phasen, in denen der Ausbilder im Urlaub ist oder ein Großauftrag alle Kräfte bindet. Und sie bereiten sich auf Prüfungen strukturierter vor.

Merke: Selbstgesteuertes Lernen ist ein Regler, kein Schalter. Gib Verantwortung in Stufen ab und bleib als Ansprechpartner sichtbar.

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Voraussetzungen auf Seiten der Azubis

Selbstgesteuertes Lernen klappt nicht mit jedem Azubi gleich gut und nicht vom ersten Tag an. Wer aus einer Schule kommt, in der vor allem vorgegeben wurde, ist oft überfordert, wenn er plötzlich alles allein entscheiden soll. Damit es funktioniert, braucht es ein paar Dinge:

  • Grundwissen im Thema, denn wer nichts weiß, kann auch nicht gezielt suchen
  • Klarheit über das Ziel: Was genau soll am Ende gekonnt werden?
  • Zugang zu Material, Fachliteratur, Geräten und digitalen Quellen
  • Zeit, die tatsächlich zum Lernen da ist und nicht ständig vom Tagesgeschäft aufgefressen wird
  • die Sicherheit, dass Fehler und Rückfragen erlaubt sind

Der letzte Punkt wird oft unterschätzt. Wer Angst hat, sich mit einer Frage zu blamieren, versucht lieber still, alles allein zu lösen, und verrennt sich. Eine offene Fehlerkultur ist deshalb keine weiche Zugabe, sondern eine Bedingung. Mehr zur Haltung dahinter findest du bei Lernprozesse begleiten statt nur unterweisen.

Lernstrategien vermitteln

Viele Azubis haben nie gelernt, wie man lernt. Sie lesen einen Text dreimal durch und wundern sich, dass am nächsten Tag kaum etwas hängen bleibt. Hier kannst du mit wenig Aufwand viel bewirken, indem du einfache Strategien zeigst und gemeinsam übst:

  • Wiederholen mit zeitlichem Abstand statt alles am Abend vor der Klassenarbeit
  • Inhalte mit eigenen Worten zusammenfassen oder jemand anderem erklären
  • Wissen ordnen, etwa in einer Skizze, einer Tabelle oder einer Mindmap
  • sich selbst abfragen, zum Beispiel mit Karteikarten oder Übungsfragen
  • den eigenen Stand ehrlich einschätzen: Was kann ich schon, was noch nicht?

Der letzte Punkt hat einen eigenen Namen: Metakognition, also das Nachdenken über das eigene Lernen. Er ist der Kern des selbstgesteuerten Lernens. Ein Azubi im Großhandel, der merkt, dass er eine Kalkulation zwar nachrechnen, aber nicht erklären kann, weiß, wo er ansetzen muss. Warum Wiederholen und Erklären besser wirken als bloßes Lesen, steht auf der Seite Wie Lernen funktioniert.

Verantwortung schrittweise übergeben

Der häufigste Fehler ist, zu schnell zu viel Freiheit zu geben. Besser ist ein stufenweiser Aufbau. Zu Beginn gibst du Ziel, Vorgehen und Kontrollpunkte vor, der Azubi führt aus. Im nächsten Schritt gibst du nur noch das Ziel vor und lässt den Azubi das Vorgehen selbst planen, besprichst den Plan aber, bevor es losgeht. Später formuliert der Azubi auch Teilziele selbst und kontrolliert seine Ergebnisse eigenständig, bevor du draufschaust.

Ein Beispiel aus einem Hotel: Im ersten Ausbildungsjahr bekommt eine angehende Hotelfachfrau eine genaue Checkliste für die Zimmerkontrolle. Einige Monate später soll sie die Checkliste selbst überarbeiten, weil neue Ausstattung dazugekommen ist. Im dritten Jahr plant sie die Einarbeitung einer neuen Aushilfe. Dieselbe Tätigkeit, aber jedes Mal mit mehr Eigenverantwortung.

Methoden, die diesen Aufbau unterstützen, sind vor allem die Leittextmethode und Lernaufträge am Arbeitsplatz. Beide orientieren sich am Modell der vollständigen Handlung, bei dem Azubis vom Informieren bis zum Bewerten alle Schritte selbst durchlaufen.

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Deine Rolle: begleiten, nicht verschwinden

Selbststeuerung heißt nicht, dass du dich unsichtbar machst. Deine Aufgabe ändert sich: weniger vormachen und erklären, mehr fragen, beobachten und Rückmeldung geben. Gute Fragen sind zum Beispiel: „Wie willst du vorgehen?“, „Woran merkst du, dass du fertig bist?“ oder „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“ Solche Fragen zwingen zum Nachdenken, ohne die Lösung vorwegzunehmen.

Hilfreich sind feste Gesprächspunkte. Ein kurzes Gespräch zu Beginn einer Aufgabe klärt Ziel und Plan, eines am Ende dient der Reflexion. Manche Betriebe nutzen dafür das Berichtsheft oder ein einfaches Lerntagebuch, in dem Azubis festhalten, was sie gelernt haben und wo sie noch unsicher sind. Wichtig ist, dass du solche Notizen auch liest und darauf eingehst. Sonst werden sie schnell zur lästigen Pflichtübung.

Grenzen und typische Fehler

Selbstgesteuertes Lernen ist kein Allheilmittel. Bei sicherheitskritischen Tätigkeiten, etwa beim Arbeiten an elektrischen Anlagen oder mit Gefahrstoffen, gibt es klare Vorgaben, und hier wird nicht experimentiert. Auch Azubis mit großen Lernschwierigkeiten oder sprachlichen Hürden brauchen oft zunächst mehr Struktur, nicht weniger.

Ein weiterer Fehler: Selbststeuerung als Ausrede für fehlende Betreuung. Wer einem Azubi im Büro sagt „Schau dir das mal selbst an“ und dann tagelang nicht nachfragt, fördert kein selbstgesteuertes Lernen, sondern lässt ihn allein. Der Unterschied liegt in der Begleitung: klares Ziel, verfügbare Hilfe, vereinbarte Rückmeldung.

Worauf es in Prüfung und Fachgespräch ankommt

In der schriftlichen AEVO-Prüfung wird selbstgesteuertes Lernen meist im Zusammenhang mit Methoden und der Rolle des Ausbilders abgefragt. Typisch sind Fragen, welche Methode die Selbstständigkeit am stärksten fördert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen oder wie sich die Ausbilderrolle dabei verändert. Wer den Gedanken der Lernbegleitung aus dem neuen Rahmenplan verstanden hat, liegt hier selten falsch.

Im Fachgespräch nach der praktischen Prüfung kannst du punkten, wenn du zeigst, wie es nach deiner Unterweisung weitergeht: Welche Aufgabe gibst du dem Azubi als Nächstes, damit er das Gelernte selbstständig anwendet? Auch bei der Vorbereitung der Azubis auf ihre Abschlussprüfung zahlt es sich aus, wenn sie gelernt haben, ihren eigenen Lernstand einzuschätzen.

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Häufige Fragen

Nicht ganz. Selbstständig arbeiten heißt, eine Aufgabe ohne Hilfe zu erledigen. Selbstgesteuert lernen heißt zusätzlich, den eigenen Lernweg zu planen und zu prüfen, ob man dabei wirklich etwas gelernt hat.

In kleinen Schritten von Anfang an, etwa bei der Reihenfolge von Teilaufgaben. Größere Freiräume sind sinnvoll, sobald die Grundlagen sitzen und der Azubi die Ziele kennt.

Dreh den Regler zurück und gib wieder mehr Struktur vor, etwa einen Zeitplan mit Zwischenterminen. Frag nach, woran es hakt: Oft fehlen Vorwissen, eine klare Zielvorstellung oder schlicht Lernstrategien.

Oliver Misch
Oliver Misch
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