Jeder Ausbilder führt, ob er will oder nicht. Er verteilt Aufgaben, setzt Grenzen, trifft Entscheidungen und reagiert auf Fehler. Die Art, wie er das tut, nennt man Führungsstil. Meist hat man ihn nicht bewusst gewählt, sondern bei eigenen Vorgesetzten abgeschaut oder aus dem Bauch heraus entwickelt.
Es lohnt sich, den eigenen Stil einmal genauer anzuschauen, denn Führen gehört zu den zentralen Aufgaben des Ausbilders. Azubis sind keine fertigen Fachkräfte. Sie brauchen je nach Ausbildungsstand, Persönlichkeit und Situation unterschiedlich viel Anleitung und Freiraum. Wer immer gleich führt, liegt deshalb oft daneben.
Die klassischen Führungsstile
Die bekannteste Einteilung geht auf den Psychologen Kurt Lewin zurück und unterscheidet drei Grundformen. Beim autoritären Stil entscheidet der Ausbilder allein, gibt klare Anweisungen und kontrolliert die Ausführung. Der Azubi hat wenig Mitsprache. Beim kooperativen Stil, oft auch demokratisch genannt, bezieht der Ausbilder den Azubi in Entscheidungen ein, erklärt seine Gründe und lässt Vorschläge zu. Die Verantwortung für das Ergebnis bleibt trotzdem bei ihm. Beim Laissez-faire-Stil hält sich der Ausbilder weitgehend heraus und lässt den Azubi machen, ohne viel vorzugeben oder nachzufragen.
Diese Einteilung ist ein Modell. Im Alltag gibt es kaum jemanden, der nur einen Stil pflegt. Die meisten Ausbilder haben eine Grundtendenz und weichen je nach Situation davon ab. Wichtig ist, dass dieses Abweichen bewusst geschieht und nicht nur von der eigenen Tagesform abhängt.
Der eigene Stil hängt außerdem nicht nur von dir ab. Ein Ausbilder in einem großen Industriebetrieb mit festen Abläufen hat andere Spielräume als ein Meister in einem kleinen Handwerksbetrieb, der den Azubi den ganzen Tag neben sich hat. Auch die Kultur im Betrieb prägt: Wo die Geschäftsführung sehr bestimmend auftritt, fällt kooperatives Führen in der Ausbildung schwerer, ist aber umso wichtiger. Und Ausbildungsbeauftragte in den Fachabteilungen führen oft ganz anders als der verantwortliche Ausbilder. Für den Azubi ist es hilfreich, wenn sich alle zumindest auf einige gemeinsame Grundsätze einigen.
Autoritär führen: wann es passt und wann nicht
Der autoritäre Stil hat einen schlechten Ruf, und in seiner reinen Form ist der verdient. Ein Ausbilder, der nur Befehle erteilt, keine Fragen zulässt und Fehler mit Strenge beantwortet, erzeugt Angst und Abhängigkeit. Azubis machen dann, was man ihnen sagt, aber sie denken nicht mit und trauen sich nicht, Probleme anzusprechen. Ist der Ausbilder nicht da, läuft wenig.
Es gibt aber Situationen, in denen klare Vorgaben richtig sind. Wenn es um Sicherheit geht, wird nicht diskutiert. Ein Azubi auf der Baustelle, der ohne Absturzsicherung aufs Gerüst will, braucht eine eindeutige Ansage und keine gemeinsame Abwägung. Auch in Notfällen, unter großem Zeitdruck oder ganz am Anfang der Ausbildung, wenn der Azubi die Abläufe noch nicht kennt, helfen klare Anweisungen. Wichtig ist, sie hinterher zu erklären. Wie Sicherheitsregeln vermittelt werden, steht auf der Seite zur Sicherheitsunterweisung.
Merke: Es gibt keinen Stil für alle Fälle. Gute Führung richtet sich nach dem Azubi, der Aufgabe und der Situation.
Kooperativ führen als Grundhaltung
Für die Ausbildung gilt der kooperative Stil weitgehend als die passende Grundhaltung. Azubis, die mitreden dürfen und verstehen, warum etwas so gemacht wird, übernehmen eher Verantwortung, lernen selbstständiger zu arbeiten und sind meist motivierter. Das passt zum Bild des Ausbilders als Lernbegleiter, das der aktuelle AEVO-Rahmenplan in den Mittelpunkt stellt.
Kooperativ heißt aber nicht, dass alles verhandelbar ist. Der Ausbilder setzt den Rahmen und trifft am Ende die Entscheidung. In einer Werbeagentur kann die Ausbilderin mit dem Mediengestalter-Azubi besprechen, wie er ein Kundenprojekt angehen will, und ihm dabei viel Freiraum lassen. Den Abgabetermin und die Qualitätsanforderungen legt sie trotzdem fest. Kooperatives Führen kostet zu Beginn mehr Zeit, weil Erklärungen und Gespräche nötig sind. Diese Zeit holt man später wieder herein, wenn der Azubi selbst mitdenkt. Wie du das im Alltag umsetzt, beschreibt die Seite zu Lernprozessen begleiten.
Laissez-faire: Freiheit ohne Rahmen
Der Laissez-faire-Stil wirkt auf den ersten Blick freundlich und modern: Der Azubi darf selbst entscheiden, niemand schaut ihm ständig über die Schulter. In der Praxis ist er für die Ausbildung meist ungeeignet. Ohne klare Ziele, Rückmeldungen und Ansprechpartner fühlen sich viele Azubis allein gelassen. Fehler werden nicht bemerkt, Lücken bleiben bestehen, und am Ende fehlen Inhalte für die Prüfung.
Oft ist Laissez-faire auch gar kein bewusst gewählter Stil, sondern eine Folge von Zeitmangel. Ein Ausbilder, der neben seiner eigentlichen Arbeit kaum Zeit für den Azubi hat, lässt ihn zwangsläufig machen. Das sollte man sich ehrlich eingestehen und mit dem Betrieb besprechen, statt es als Förderung der Selbstständigkeit zu verkaufen. Wenig Kontrolle passt nur bei sehr erfahrenen Azubis kurz vor der Prüfung, und auch dann nur, wenn klar ist, wann und wie Rückmeldung kommt.
Situatives Führen
Ein Modell, das in der Ausbildung besonders gut passt, ist das situative Führen nach Paul Hersey und Ken Blanchard. Die Grundidee: Der passende Stil hängt vom Reifegrad des Geführten bei einer bestimmten Aufgabe ab, also davon, wie viel er kann und wie sehr er will. Daraus ergeben sich vier Stufen:
- Anweisen: Wer neu ist und wenig kann, braucht klare Vorgaben und enge Begleitung.
- Überzeugen: Wer motiviert ist, aber noch nicht genug kann, braucht weiter Vorgaben, dazu Erklärungen und Ermutigung.
- Beteiligen: Wer fachlich weit ist, aber noch zögert, wird in Entscheidungen einbezogen und unterstützt.
- Delegieren: Wer kompetent und motiviert ist, bekommt die Aufgabe übertragen.
Wichtig ist der Bezug zur Aufgabe. Ein Azubi zum Kaufmann im Einzelhandel kann im zweiten Jahr die Warenpräsentation längst allein, braucht beim ersten Reklamationsgespräch mit einem verärgerten Kunden aber wieder engere Begleitung. Gute Ausbilder passen ihren Stil also nicht nur an den Azubi an, sondern an den Azubi in einer bestimmten Situation. Ziel ist, im Lauf der Ausbildung bei möglichst vielen Aufgaben beim Delegieren anzukommen.
Wie Führungsstile auf Azubis wirken
Der Führungsstil beeinflusst Motivation, Lernerfolg und Betriebsklima. Azubis, die sich respektiert und beteiligt fühlen, arbeiten meist engagierter, sprechen Probleme früher an und bleiben eher im Betrieb. Wer dagegen ständig nur Anweisungen bekommt oder sich selbst überlassen bleibt, verliert schneller die Lust. Mehr dazu, was Azubis antreibt, findest du unter Azubis motivieren.
Dazu kommt die Vorbildwirkung. Azubis übernehmen den Umgangston, den sie erleben. Wer in der Ausbildung nur Befehlston kennengelernt hat, führt später selbst oft genauso. Ein Pflegeheim mit eigener Verwaltung, ein Hotel oder ein Maschinenbaubetrieb prägen über ihre Ausbilder auch die Führungskultur der nächsten Generation. Hol dir ab und zu eine Rückmeldung, wie deine Azubis deine Führung erleben. Die Antworten sind manchmal überraschend und fast immer lehrreich.
Führungsstile in Prüfung und Fachgespräch
In der schriftlichen Prüfung sollst du Führungsstile meist anhand einer Fallbeschreibung erkennen oder begründen, welcher Stil in einer bestimmten Situation angemessen ist. Achte dabei auf Ausbildungsstand, Aufgabe und Rahmenbedingungen. Pauschal „kooperativ ist immer richtig“ reicht als Antwort nicht. Im Fachgespräch kann gefragt werden, wie du deine Führung anpasst, wenn der Azubi die Aufgabe aus deiner Unterweisung beim nächsten Mal selbstständig erledigen soll. Dann hilft es, mit den Stufen des situativen Führens zu argumentieren.
Häufige Fragen
Meist wird der kooperative Stil als Grundhaltung erwartet. Bei Sicherheitsfragen oder ganz am Anfang der Ausbildung kann aber auch eine klare, anweisende Führung richtig sein, wenn du sie begründest.
Nein, solange die Anpassung begründet ist. Beliebig wird es, wenn der Stil von der eigenen Laune abhängt statt vom Lernstand des Azubis.
Ja, aber es braucht Übung und ehrliche Rückmeldungen. Ein guter Anfang ist, nach schwierigen Situationen kurz zu überlegen, ob dein Vorgehen zur Situation gepasst hat.