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Handlungsfeld 3 · Ausbildung durchführen

Lernschwierigkeiten erkennen und Azubis helfen

Wenn ein Azubi nicht vorankommt, steckt selten Faulheit dahinter. Wer genau hinschaut und früh das Gespräch sucht, erreicht meist mehr als mit Druck.

5 Min. Lesezeitvon Oliver MischStand November 2026

Fast jeder Ausbilder kennt die Situation: Ein Azubi macht immer wieder dieselben Fehler, kommt in der Berufsschule nicht mit oder wirkt bei Erklärungen abwesend. Der erste Gedanke ist oft „Der gibt sich keine Mühe“. Manchmal stimmt das. Häufig steckt aber etwas anderes dahinter, das sich mit mehr Druck nicht lösen lässt.

Lernschwierigkeiten haben viele Gesichter und viele mögliche Ursachen. Deine Aufgabe als Ausbilder ist nicht, eine Diagnose zu stellen. Du sollst bemerken, dass etwas nicht stimmt, das Gespräch suchen und Unterstützung organisieren, im Betrieb und, wo nötig, mit Hilfe von außen. Je früher das passiert, desto größer ist die Chance, dass der Azubi die Ausbildung gut abschließt.

Woran du Lernschwierigkeiten erkennst

Manche Anzeichen fallen sofort auf, andere erst über Wochen. Typisch sind wiederkehrende Fehler bei Aufgaben, die eigentlich schon geübt wurden, und schwache Ergebnisse in der Berufsschule, besonders wenn sie sich plötzlich verschlechtern. Manche Azubis brauchen auffällig lange für schriftliche Aufgaben, vermeiden das Lesen von Anleitungen oder lassen sich lieber alles zeigen. Andere wirken unkonzentriert, vergessen Arbeitsschritte oder fragen immer wieder dasselbe.

Auch das Verhalten kann ein Hinweis sein: Rückzug, Gereiztheit bei Kritik, häufige kurze Krankmeldungen, ein Berichtsheft, das nur widerwillig oder gar nicht geführt wird. In einem Handwerksbetrieb fällt vielleicht auf, dass ein Azubi praktisch sehr geschickt ist, aber jedes Aufmaß falsch notiert. In der Buchhaltung, dass eine Auszubildende bei Zahlen sicher ist, aber E-Mails an Kunden kaum verständlich formuliert. Solche Muster sind wertvolle Hinweise. Schreib dir Beobachtungen auf, bevor du Schlüsse ziehst, und achte darauf, ob sich das Problem auf bestimmte Aufgaben beschränkt oder überall zeigt.

Mögliche Ursachen

Fachliche Ursachen sind am leichtesten zu greifen: Lücken aus der Schulzeit, etwa beim Prozentrechnen oder in der Rechtschreibung, oder ein zu hohes Tempo in der Unterweisung. Auch die Art der Vermittlung kann ein Grund sein. Wer nur mündlich erklärt bekommt und nie selbst üben darf, behält wenig.

Persönliche Ursachen reichen von Problemen in der Familie über Trennungen und Geldsorgen bis zur Überforderung durch den neuen Alltag mit frühem Aufstehen und langen Tagen. Gesundheitliche Ursachen können zum Beispiel Schlafmangel, Seh- oder Hörprobleme, psychische Belastungen oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche sein. Ob so etwas vorliegt, können nur Fachleute feststellen. Bei Azubis, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, liegt die Schwierigkeit oft weniger im Fachlichen als in der Fachsprache. Ein Azubi kann den Ablauf einer Wartung perfekt verstehen und trotzdem an der Formulierung einer Prüfungsfrage scheitern.

Meist kommen mehrere Ursachen zusammen. Darum lohnt es sich, nicht beim ersten Erklärungsansatz stehen zu bleiben. Und manchmal liegt ein Teil der Ursache im Betrieb selbst: wechselnde Ansprechpartner, unklare Aufgaben oder ein Umfeld, in dem Fragen als lästig gelten.

Merke: Beobachten, ansprechen, Hilfe vermitteln. Diagnosen stellen andere.

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Das Gespräch suchen

Bevor du handelst, sprich mit dem Azubi. Wähle einen ruhigen Moment ohne Zeitdruck und beginne mit deinen Beobachtungen, nicht mit einer Vermutung: „Mir ist aufgefallen, dass dir bei den Auftragszetteln öfter Fehler passieren. Wie siehst du das?“ Viele Azubis sind erleichtert, wenn jemand das Thema anspricht, weil sie selbst merken, dass etwas nicht läuft. Andere schämen sich und spielen das Problem herunter.

Wichtig ist, dass der Azubi sich nicht verhört fühlt. Private oder gesundheitliche Dinge muss er dir nicht erzählen. Wenn er es doch tut, behandle das vertraulich. Am Ende des Gesprächs sollte etwas Konkretes stehen: ein erster Schritt, ein Angebot, ein Folgetermin. Oft hilft die Frage „Was würde dir helfen?“ mehr als jeder gut gemeinte Ratschlag. Rechne nicht damit, dass ein einziges Gespräch alles klärt. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, bis ein Azubi Vertrauen fasst.

Fördermöglichkeiten im Betrieb

Viel lässt sich mit einfachen Mitteln im Betrieb erreichen. Du kannst Unterweisungen in kleinere Schritte teilen, mehr Zeit zum Üben geben und häufiger kurze Rückmeldungen einbauen. Schriftliche Anleitungen mit Bildern oder Checklisten helfen, wenn das Lesen langer Texte schwerfällt. Ein erfahrener Kollege oder ein Azubi aus einem höheren Jahrgang kann als Lernpartner unterstützen, etwa im Rahmen eines Paten- oder Mentorenprogramms. In einem IT-Betrieb kann das eine feste halbe Stunde pro Woche sein, in der ein Azubi aus dem dritten Jahr mit dem Neuling Aufgaben für die Berufsschule durchgeht.

Sprich auch mit der Berufsschule. Die Lehrkräfte sehen den Azubi in einer anderen Situation und haben oft eine ähnliche oder ergänzende Einschätzung. Gemeinsam lässt sich besser planen, wo der Azubi Unterstützung braucht. Wie die Zusammenarbeit funktioniert, beschreibt die Seite zur Lernortkooperation. Hilfreich ist manchmal auch ein Blick auf deine eigenen Methoden: Vielleicht lernt der Azubi mit einem Lernauftrag, den er selbst Schritt für Schritt erledigt, mehr als bei einer Vorführung.

Unterstützung von außen

Reichen die betrieblichen Möglichkeiten nicht, gibt es externe Hilfe. Über die Agentur für Arbeit lässt sich die Assistierte Ausbildung nutzen, die Azubis mit Förderunterricht, sozialpädagogischer Begleitung und Hilfe bei Problemen unterstützt und auch den Betrieb berät. Bei Sprachschwierigkeiten gibt es berufsbezogene Sprachkurse. Bei gesundheitlichen oder psychischen Belastungen sind Hausärzte, Beratungsstellen und gegebenenfalls der Betriebsarzt die richtigen Anlaufstellen.

Auch der Ausbildungsberater der Kammer kann Wege aufzeigen, etwa eine Verlängerung der Ausbildungszeit. Liegt eine festgestellte Beeinträchtigung vor, kann für die Prüfung ein Nachteilsausgleich beantragt werden.

Für den Betrieb heißt externe Hilfe nicht, dass er die Verantwortung abgibt. Du bleibst Ansprechpartner im Alltag und solltest wissen, was in der Förderung passiert. Ein kurzer Austausch mit der Stelle, die den Azubi begleitet, sorgt dafür, dass Betrieb, Berufsschule und Förderangebot nicht aneinander vorbeiarbeiten. Frag den Azubi vorher, ob er damit einverstanden ist.

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Wo deine Rolle endet

Ausbilder sind keine Therapeuten, Sozialarbeiter oder Ärzte. Du kannst zuhören, ermutigen und Kontakte herstellen, aber du solltest keine Diagnosen stellen und keine Behandlung ersetzen. Sätze wie „Du hast bestimmt ADHS“ oder „Das ist doch eine Depression“ sind vielleicht gut gemeint, aber nicht deine Aufgabe und können viel Schaden anrichten. Wenn du merkst, dass ein Azubi in einer ernsten Krise steckt, ist der wichtigste Schritt, ihn an Menschen zu vermitteln, die helfen können. Hinweise zum Umgang mit Belastungen findest du unter Gesundheit und Prävention.

Diese Grenze schützt auch dich. Wer versucht, alle Probleme seiner Azubis allein zu lösen, brennt aus. Zu deiner Rolle gehört aber, klar zu bleiben: Die Anforderungen der Ausbildung gelten weiter, auch wenn du Verständnis für die Lage zeigst.

Lernschwierigkeiten in der AEVO-Prüfung

Im schriftlichen Teil wird das Thema meist als Fall geschildert: Ein Azubi zeigt bestimmte Auffälligkeiten, und du sollst mögliche Ursachen nennen und geeignete Maßnahmen vorschlagen. Gute Antworten beginnen fast immer mit einem Gespräch, bevor Maßnahmen beschlossen werden, und nennen sowohl betriebliche als auch externe Hilfen. Wer direkt mit Abmahnung oder Kündigung reagiert, liegt in solchen Aufgaben in der Regel daneben. Auch im Fachgespräch kann die Frage kommen, was du tust, wenn dein Azubi das Lernziel der vorgestellten Unterweisung nicht erreicht. Nenne in deiner Antwort dann auch, wie du später überprüfst, ob die Maßnahmen gewirkt haben.

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Häufige Fragen

Besser ist es, deine Beobachtungen zu schildern und zu fragen, wie es ihm damit geht. Ob er eine Diagnose offenlegt, entscheidet er selbst.

Bei minderjährigen Azubis kann es sinnvoll sein, die Erziehungsberechtigten einzubeziehen, wenn das Ausbildungsziel gefährdet ist. Was dir der Azubi vertraulich über Privates oder Gesundheit erzählt hat, gibst du aber nicht ungefragt weiter.

Zwingen kannst du ihn nicht. Bleib bei klaren Erwartungen an die Ausbildung, wiederhole dein Angebot und halte die Gespräche schriftlich fest.

Oliver Misch
Oliver Misch
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